IDEE

„Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie doch Vernunft an...“
rief Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel durch ein Megafon, als 1962 auf der Leopoldstraße die Schwabinger Krawalle stattfanden. Dieser Satz war ursprünglich als Titel der Veranstaltungsreihe PROTEST IN MÜNCHEN SEIT 1945 geplant, weil er so schön das Münchner Verhältnis zum öffentlichen Widerstand verdeutlicht.
Obwohl in der bayerischen Landeshauptstadt stets Ruhe als höchste Bürgerpflicht galt, gab es in München immer wieder heftige Proteste, und sie ins öffentliche Gedächtnis zurückzurufen, ist unser Ziel.
Doch was ist Protest? Wir machten uns die Definition von Zara Pfeiffer (Herausgeberin des Buches zur Reihe „Auf den Barrikaden: Proteste in München seit 1945“) zu eigen: Protest ist eine Praxis der Kritik, die öffentlich artikuliert wird, eine Praxis der – wie es Foucault nennt – „Entunterwerfung“ und der „reflektierten Unfügsamkeit“, des kontinuierlichen Versuchs, weniger und anders regiert zu werden.
Die Chronik, die Vielzahl der Münchner Protest-Geschichten, hatte Günther Gerstenberg bereits zusammengestellt – und schnell wurde uns klar, dass wir aus dieser Fülle nur einige Stränge und Linien herausarbeiten, sowie einzelne thematische Akzente setzen können.
In dieser Veranstaltungsreihe fragen wir nach den Orten, TrägerInnen und AdressatInnen von Protest, vergegenwärtigen uns die Spannungsfelder und zeigen die Formenvielfalt der Entunterwerfung. Der Protest der Vergangenheit wird in seiner Bedeutung für heute und morgen erneut zur breiten Diskussion in den öffentlichen Raum gestellt.
Möglich wurde PROTEST IN MÜNCHEN SEIT 1945 nur Dank des Kulturreferats, der vielen UnterstützernInnen und
PartnerInnen.
Wir freuen uns auf lebhafte Debatten und Ihr zahlreiches Erscheinen bei allen Protest-Gelegenheiten!
Andrea Naica-Loebell und Ruth Oppl
PROTEST HIGHLIGHTS
PROST PROTEST!
Der Politstammtisch ist eine Mischung aus Information,
Austausch und Performance: Jeden dritten Montag im Monat
treffen sich die Stammtischgeschwister in wechselnden Lokalen.
Um die Diskussion in Fahrt zu bringen, gibt es vorab ein etwa 15 Minuten langes Kurzreferat über ein Thema der Protestgeschichte oder Protestkultur. Die in den Raum gestellten Thesen sorgen für eine lebendige Debatte, die möglichst alle miteinander ins Gespräch bringt und auch die anderen LokalbesucherInnen neugierig macht.
Termine:
Mo 18. APRIL - 20.30 Uhr, Theater im Fraunhofer (Kulisse): Unser Viertel! Protest gegen die Gentrifizierung in Giesing, München
Mo 16. MAI - 20.30 Uhr, Altes Kreuz: Medialer Protest und Gegenöffentlichkeit
Mo 20. JUNI - 20.30 Uhr, GAP/Biergarten: Wie Protestkulturen vereinnahmt werden
Mo 18. JULI - 20.30 Uhr, Weltwirtschaft/Biergarten: Kommunikationsguerilla und Street Art
RECLAIM THE STREETS
Erobert Euch den öffentlichen Raum zurück!
Reclaim the Streets wendet sich gegen die Kommerzialisierung und Überwachung der städtischen Straßen und Plätze, aber auch gegen die Verdrängung des Menschen durch Autos und Betonwüsten. Oft wird diese praktische Entunterwerfung von kleinen Gruppen oder Einzelpersonen durchgeführt (an dieser Stelle sei kurz an den Münchner Auto-Geher Michael Hartmann erinnert).
Mit Tanz-Demos, Straßentheater, Guerilla-Gärtnern, Flashmobs, Picknicks auf Parkplätzen und vielen anderen Aktionsformen entstehen ganz neue Freiräume.
Da beteiligt sich „Protest in München“ doch gerne und taucht irritierend oder protestierend von April bis Juli ab und zu irgendwo mitten in München auf!
Die Termine werden kurzfristig auf dieser Website angekündigt!
LATE NIGHT TALK

Der monatliche Late Night Talk bringt AkteurInnen, ExpertInnen und ZeitzeugInnen des Protests in München zusammen, um auf einem Podium kontrovers miteinander zu debattieren. Nicht nur die Titel der Abende sind bewusst provokativ.
Themen wie Feminismus oder internationale Arbeitersolidarität sind längst kein Protest-Konsens mehr, es stehen sich sehr unterschiedliche Positionen gegenüber.
Ist München die heimliche Hauptstadt des Protests - darüber diskutieren am 27. April Beteiligte von Protest in München seit 1945? Und was bitte sind WutbürgerInnen oder die durch die Medien spukenden BerufsdemonstrantInnen?
UNRUHE IM UNTERGRUND
In einer Veranstaltungsreihe zu Protest in München dürfen
natürlich auch die literarischen Stimmen nicht fehlen.
Da gibt es zum einen die klassischen Lesungen, die sich beim genauen Studium des Kalendarium problemlos finden werden.
Zudem wird abgetaucht, an untergründigen Orten werden literarische und historische Texte zum Protest präsentiert. Unter dem Pflaster der Stadt offenbaren sich ganz neue Erkenntnisse.
Zu Füßen des Friedensengels begeben sich am 10. Juni die Slam-Poets unter die Erde, um wortgewaltig die mit Graffiti geschmückte Unterführung erbeben zu lassen.
Aber es steht noch viel mehr Unruhe im Untergrund an,
Lesungen, die sich aktuell einmischen. Lassen Sie sich überraschen, ob unter der Brücke oder in den Rauchschwaden der Subkultur…
Die Termine werden kurzfristig auf dieser Website angekündigt!

WISSENSCHAFT
Was ist Protest? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort – stattdessen wirft die Analyse neue Fragen auf: Welche Formen gibt es, welche Themen, wer sind die AkteurInnen und wer die AdressatInnen? Und was haben Protestbewegungen bewirkt, wo sind sie gescheitert?
Mit diesen Fragen und den entsprechenden Antworten beschäftigen sich WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen im Rahmen dieser Reihe.
An der LMU finden eine hochkarätige Vortragsreihe sowie ein öffentliches Forschungskolloquium statt. Die MVHS lädt zu Symposien, die sich sowohl mit den Feminismen auseinandersetzen, als auch das Verhältnis von Politik und Protest genau unter die Lupe nehmen.
PROTESTORTE IN MÜNCHEN

Blockade der Leopoldstraße, Straßenschlacht in Haidhausen, schwul-lesbische Proteste nicht nur im Glockenbachviertel oder die Arbeitskämpfe im Münchner Norden - bei thematischen Stadtrundgängen werden die jeweiligen Widerstandsgeschichten erzählt.
Interessierte können in der Sauna der Deutschen Eiche erfahren, wie das einst war, als ein Kreisverwaltungsreferent erfolglos versuchte, der schwulen Subkultur den Dampf abzudrehen.
Viele Veranstaltungen im Rahmen dieser Reihe finden in den Bürgerhäusern und Stadtteilkulturzentren statt. Einige in selbstorganisierten Freiräumen wie dem Wohnprojekt Ligsalz8 oder dem Kafe Marat.
Zudem wird das Netzwerk sichtbar, in das der lokale Protest weit über die Stadtgrenzen hinaus eingebettet ist.
PROTEST & REAKTION
In den 60er Jahren entstand als Folge der Schwabinger Krawalle die „Münchner Linie“, ein „flexibles, weniger konfrontatives Konzept“ mit dem ersten psychologischen Dienst der deutschen Polizei.
Die „bayerische Art“ dagegen wurde mit dem berüchtigten Münchner Kessel beim Weltwirtschaftsgipfel 1992 auch international bekannt: „Wenn einer glaubt, er muss sich mit Bayern unbedingt anlegen und er muss stören, dass wir dann etwas härter durchgreifen und hinlangen, das ist auch bayerische Art.“ (Max Streibl).
Wie hat es die bayerische Landeshauptstadt mit dem Protest? In den Lesungen, Filmen (speziell im Filmmuseum ab 17. Juni mit unveröffentlichten Polizeifilmen) und Vorträgen (z.B. am 19. April über die Ladenschlussunruhen) wird der Kriminalisierung von Protest nachgegangen, exemplarisch Wasserwerfereinsätze und Strafverfolgung, aber auch erfolgreicher Widerstand beleuchtet.
ERINNERUNGSKULTUR

Die Geschichte des Münchner Protests schließt die Debatte um die Geschichtsschreibung ein. In vielfacher Form lassen wir AkteurInnen und ZeitzeugInnen aus den verschiedenen Protestbewegungen zu Wort kommen. Die Fotografien von Augenzeugen wie Rudi Dix und Branko Senjor werden in Ausstellungen gezeigt. Münchner Gruppen, Vereine und Institutionen – die zum Teil selbst das Ergebnis erfolgreicher Bürgerproteste sind – tragen ihre Erfahrungen bei.
